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Familiärer Brust- und Eierstockkrebs

Seit die Schauspielerin Angelina Jolie bekannt gab, dass sie Anlageträgerin für eine BRCA1-Mutation ist und sich aufgrund dessen für eine prophylaktische Entfernung des Brustdrüsengewebes entschieden hat, ist das Thema familiärer Brust- und Eierstockkrebs der breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein gerückt worden. Allerdings liegt nur bei einem kleinen Prozentteil der Brustkrebsfälle (5-10%)  eine familiäre (genetische) Tumorveranlagung vor.

An eine familiäre Tumorveranlagung wird gedacht, wenn mehrere Familienmitglieder von Brust- und/oder Eierstockkrebs betroffen sind, ein besonders junges Erkrankungsalter vorliegt oder Frauen beidseitig erkranken. Ebenfalls kann eine zusätzliche männliche Brustkrebserkrankung in der Familie richtungsweisend sein.

 

Anhand des Stammbaums und den vorliegenden ärztlichen Befundberichten beim Beratungsgespräch überprüfen wir, ob die Testkriterien erfüllt sind und somit eine genetische Testung angeboten werden kann. Sollten in Ihrer Familie z.B.

  • mind. eine Frau vor dem 36. Lebensjahr an Brustkrebs erkrankt,

  • mind. zwei Frauen vor dem 50. Lebensjahr an Brustkrebs erkrankt,

  • mind. drei Frauen an Brustkrebs unabhängig vom Erkrankungsalter erkrankt,

  • mind. eine Frau an Brust- und eine Frau an Eierstockkrebs erkrankt, oder

  • mind. ein Mann und eine Frau an Brustkrebs unabhängig vom Erkrankungsalter erkrankt

sein, ist eine Beratung in unserer Krebsrisikosprechstunde sinnvoll.

 

Auch können wir Ihnen eine Risikoeinschätzung für das Vorliegen einer erblichen Belastung für Brust- und Eierstockkrebs in der Familie mithilfe von bewährten Risikokalkulationsprogrammen geben. Hiermit kann auch für gesunde Frauen eine Risikoeinschätzung erfolgen, anhand derer eine Anpassung der Früherkennungsuntersuchungen vorgenommen werden kann.

Sind die Testkriterien erfüllt oder liegt eine charakteristische Tumorpathologie vor, kann eine molekulargenetische Untersuchung der beiden Tumorsuppressorgene BRCA1 und BRCA2 in der Regel zunächst bei einer Betroffenen (anhand einer Blutprobe) angeboten werden. Mutationen in diesen beiden Risikogenen erklären etwa 25 % der familiären Mammakarzinome und sind die mit Abstand häufigsten Ursachen für erblichen Brust- und Eierstockkrebs. Daneben gibt es weitere Gene, die mit einem deutlich erhöhten Risiko für Brustkrebs einhergehen. Diese sind teilweise mit anderen Tumorsyndromen vergesellschaftet und es ist wichtig, dass diese anhand der Familienanamnese, der Pathologie des Tumors und ggf. der körperlichen Untersuchung in Betracht gezogen werden. Im Rahmen des deutschen Konsortiums für familiären Brust- und Eierstockkrebs können insgesamt neun weitere Risikogene mit untersucht werden, die mit Brust- und/oder Eierstockkrebs assoziiert sind.

 

Bei Nachweis einer genetischen Veränderung können sich weitere, gesunde Familienangehörige prädiktiv (vorhersagend) testen lassen, um ihr individuelles Erkrankungsrisiko besser einschätzen zu können. Anlageträgerinnen einer familiären Tumorneigung steht ein intensiviertes Früherkennungsprogramm abhängig der gefundenen Veränderung zur Verfügung.

Hilfreiche Informationen zu unterschiedlichen Aspekten der genetischen Testung bei familiärem Brustkrebs und den klinischen Konsequenzen sowie der Bedeutung für die Familie können Sie der in den Links aufgeführten Broschüre MammaMia im Internet entnehmen.

Ein Mutationsnachweis in einem der Risikogene wird in Zukunft eine individualisierte Therapie der Patientinnen ermöglichen. So ist beim rezidivierten Ovarialkarzinom mittlerweile eine Erhaltungstherapie mit einem PARP-Inhibitor nur dann zugelassen, wenn bei der erkrankten Frau eine BRCA1- oder BRCA2-Mutation vorliegt.

Familiärer Darmkrebs

Darmkrebs gehört zu den häufigsten Krebserkrankungen in Westeuropa, ca. 6 % der deutschen Bevölkerung erkrankt im Laufe des Lebens. Häufig tritt Darmkrebs sporadisch im höheren Lebensalter (> 60 Jahre) auf, und es gibt nur Einzelfälle in einer Familie. In etwa 25% der Darmkrebsfälle gibt es allerdings eine positive Familienanamnese, d.h. mehr als ein Familienmitglied ist an Darmkrebs erkrankt. Nach dem heutigen Kenntnisstand sind mindestens 5% aller Darmkrebserkrankungen erblich bedingt.

 

Die beiden häufigsten erblichen Darmkrebserkrankungen sind die Familiäre Adenomatöse Polyposis Coli (FAP) und die HNPCC (hereditäre nichtpolypöse Coloncarcinom-Erkrankung) oder auch Lynch-Syndrom genannt. Die HNPCC geht mit einem hohen Risiko für Darm- und Endometriumkarzinome (Gebärmutterschleimhautkrebs) einher. Weiterhin können bestimmte andere Krebserkrankungen, z.B. Krebserkrankungen der Magens, der Eierstöcke oder der ableitenden Harnwege auftreten. Charakteristisch für die FAP ist das frühe Auftreten hunderter bis tausender adenomatöser Polypen im gesamten Kolon. In der Regel beginnt die Polyposis in der zweiten Lebensdekade. Der einzelne Polyp zeigt eine niedrige Entartungsfrequenz, jedoch aufgrund der Vielzahl der Polypen entstehen in nahezu allen Fällen Dickdarmkarzinome.

 

Für erblichen Darmkrebs sind verschiedenste Gene verantwortlich. Machen die Familiengeschichte sowie die pathologischen Befunde eine erbliche Belastung wahrscheinlich können wir gezielt Gene - in der Regel bei einem Betroffenen - anhand einer Blutprobe untersuchen. Bei Nachweis einer genetischen Veränderung können sich weitere Familienangehörige prädiktiv (vorhersagend) testen lassen, um ihr individuelles Erkrankungsrisiko besser einschätzen zu können.

Wann sollte an eine erbliche Form von Darmkrebs gedacht werden?

Wir denken dann an eine erbliche Form von Darmkrebs, wenn

  • Betroffene jung erkranken (< 50 Jahre),

  • mehrere Familienmitglieder erkrankt sind und

  • in einer Familie eine Häufung bestimmter Krebsformen vorliegt.

In solchen Fällen sollte eine ausführliche genetische Beratung erfolgen. Im Rahmen der genetischen Beratung wird ein detaillierter Familienstammbaum erstellt sowie die Kriterien für die Diagnose der einzelnen Formen von familiärem Darmkrebs besprochen. Wichtige Voraussetzung für die genetische Beratung sind Informationen über Krebserkrankungen in der Familie, insbesondere die pathologischen Untersuchungsergebnisse. Dies erlaubt eine bessere Einschätzung des individuellen Erkrankungsrisikos sowie der daraus resultierenden Empfehlungen für Früherkennungsmaßnahmen und ermöglicht, sinnvolle weiterführende Untersuchungen in die Wege zu leiten. Hierbei arbeiten wir eng mit den Spezialisten aus anderen medizinischen Fachbereichen zusammen.

Syndromale Krebserkrankungen

Neben dem Familiären Brust- und Eierstockkrebs und dem Familiären Darmkrebs gibt es noch weitere, seltenere erbliche Syndrome, welche mit einem erhöhten Tumorrisiko einhergehen. Beispiele hierfür sind unter anderem das Gorlin-Syndrom (erhöhtes Risiko für Basalzellkarzinome) oder das von-Hippel-Lindau-Syndrom (erhöhtes Risiko für Nierenzellkarzinome). Auch das Auftreten verschiedenartiger Tumoren (bei einer Person oder auch familiär gehäuft) kann insbesondere bei jungem Erkrankungsalter auf das Vorliegen einer genetischen Ursache hindeuten, wie z. B. beim Cowden-Syndrom (PTEN-Gen) oder beim Li-Fraumeni-Syndrom (TP53-Gen). Auch Multiorganerkrankungen wie die Neurofibromatose oder die tuberöse Sklerose, bei welchen häufig neurologische Symptome im Vordergrund stehen, im weiteren Sinne zum Spektrum genetisch bedingter Krebserkrankungen. Für diese weiteren syndromalen Krebserkrankungen bieten wir ebenfalls eine genetische Beratung an. Hierbei arbeiten wir im Rahmen des Zentrums für Seltene Erkrankungen in Tübingen eng mit den Experten aus den anderen medizinischen Fachbereichen, beispielsweise der Dermatologie, der Neurologie oder der Kinder- und Jugendmedizin, zusammen.

Sprechstunde erbliche

Tumorerkrankungen.

 
 
 

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